corona: vier fragen einer einzelnen frau

Heute ist der 14. April 2020. Zur Stunde sind nach den Zählungen der Johns Hopkins Universität weltweit fast 2 Millionen Menschen mit dem Coronavirus infiziert, und mehr als 120.000 infizierte Menschen sind inzwischen gestorben[1]. In den letzten zwei Wochen hat sich die Geschwindigkeit der Ausbreitung des Virus in vielen Ländern – zumindest diesen Zahlen nach[2] – verlangsamt. Einige Länder in Europa beginnen deshalb dieser Tage damit, die strikten Beschränkungen des “Lockdown” der letzten Wochen schrittweise zu lockern: In Dänemark nehmen in dieser Woche Kindergärten und Grundschulen die Arbeit wieder auf; in Österreich öffnen erste Geschäfte; in Spanien fahren Arbeitnehmer wieder in ihre Betriebe und Unternehmen[3].

Für Deutschland hat die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina gestern eine Stellungnahme mit dem Titel “Coronavirus-Pandemie. Die Krise nachhaltig überwinden” vorgelegt[4], in der in sieben Kapiteln Empfehlungen zum weiteren Umgang mit der Pandemie in Deutschland formuliert werden. Es liegt in der Natur der Sache, dass eine derartige Stellungnahme umgehend Kritik von vielen Seiten hervorruft[5]. Das an sich ist begrüßenswert, und wir können uns glücklich schätzen, dass wir in politischen Verhältnissen leben, in denen eine solche Stellungnahme vor ihrer Nutzung durch die Entscheidungsträger veröffentlicht wird, so dass genau diese kontroversen Diskussionen stattfinden können. Die Entscheidungsprozesse der Politik sollten davon profitieren, und es wird spannend sein zu sehen, welche Aspekte der Stellungnahme im Laufe der Woche welche Würdigung und Berücksichtigung erfahren werden.

Allerdings – und zunächst unabhängig vom Inhalt: Die Arbeitsgruppe der Leopoldina besteht aus 24 Männern und zwei Frauen, natürlich alle gestandene Wissenschaftler*innen – letzteres  nachvollziehbar gegeben die Mission der Leopoldina. Das bedeutet aber: Die weibliche Perspektive ist in der Gruppe ebenso unterrepräsentiert wie die Perspektive der Praxis. Oder zugespitzt: Eine kleine Gruppe arrivierter männlicher Akademiker hat sich Gedanken darüber gemacht, was ein ganzes Land angesichts der Corona-Pandemie tun sollte. Auch wenn die Mitglieder der Arbeitsgruppe sowohl kollektiv als auch individuell selbstreflektiv genug sein mögen, diese Beschränkung zu erkennen: Die in der Stellungnahme selbst anerkannte “Mehrdimensionalität des Problems” spiegelt die Zusammensetzung dieser Arbeitsgruppe jedenfalls nicht wieder.

Ich möchte deshalb die Stellungnahme der Leopoldina aus der – selbstverständlich auf ihre Art ebenfalls beschränkten – Mehrdimensionalität meiner eigenen Perspektiven um vier Fragen ergänzen, die ich in der aktuellen Situation habe – und zwar in erster Linie als Frau, aber gleichzeitig auch als selbständige Unternehmerin und Unternehmensberaterin, als Mutter eines Grundschulkinds, als promovierte und habilitierte Sozial- und Geisteswissenschaftlerin, als Bürgerin – und nicht zuletzt einfach: als Mensch[6].

1. Wieviele Corona-Patienten kann unser Gesundheitssystem dauerhaft betreuen und behandeln?

Die aktuellen Maßnahmen des “Lockdown” dienen dem – moralisch anspruchsvollen[7] – Ziel, dafür Sorge zu tragen, dass jeder Mensch, der aufgrund einer Corona-Infektion im Krankenhaus (und insbesondere: auf einer Intensivstation) behandelt werden muss, die notwendige Behandlung auch bekommen kann. Dahinter steht die Logik des #flattenthecurve, d.h. einer Verlangsamung des Infektionsgeschehens bis zu dem Punkt, an dem eine Überlastung des Gesundheitssystems vermieden werden kann[8]. Diese Verlangsamung scheint in Deutschland zum Glück bisher weitgehend gelungen zu sein[9].

Um Perspektiven für die nächsten Wochen und Monate zu entwickeln, müssen wir jetzt die Frage beantworten, welche Zahl von Corona-Patienten unser Gesundheitssystem dauerhaft – d.h. jedenfalls bis zur Entwicklung geeigneter Medikamente oder Impfstoffe – betreuen und behandeln kann. In der Stellungnahme der Leopoldina fehlt eine konkrete Antwort auf diese Frage, von der viele der Folgeempfehlungen jedoch abhängen. Um hier zu einer Antwort zu kommen, braucht es eine – vergleichsweise einfache – quantitative Abschätzung ebenso wie eine – deutlich schwierigere – qualitative Einschätzung durch diejenigen, die in den Krankenhäusern direkt mit Corona-Patienten arbeiten.

Quantitativ lässt sich aus der Zahl der Intensivbetten, die für Corona-Patienten zur Verfügung gestellt werden können, mit relativ wenigen Annahmen ableiten, welche Infektionszahlen nicht überschritten werden dürfen, um eine Überlastung der Krankenhäuser zu verhindern[10]. Qualitativ muss diese Zahl allerdings – mit höchster Wahrscheinlichkeit: nach unten – korrigiert werden, und zwar durch erfahrungsbasierte Beobachtungen des medizinischen und pflegerischen Personals zu (mindestens) folgenden Fragen: Wie stark steigt der Anteil schwerer Fälle, wenn es zu Infektionsketten in Alten- oder Pflegeheimen oder in den Krankenhäusern selbst kommt? Wie stark sinken die Kapazitäten des Personals in den Krankenhäusern durch andere Einschränkungen (z.B. Schul- und Kita-Schließungen), durch die Dauerbelastung der Mitarbeiter*innen oder womöglich durch deren eigene Ansteckung? Welche Ausstattung und welche Rahmenbedingungen brauchen Krankenhäuser (und Pflegekräfte) um möglichst viele dieser Effekte wirksam abzumildern und dauerhaft effektiv arbeiten zu können?

Rund 75 Prozent aller Beschäftigten in Gesundheits- und Pflegeberufen in Deutschland sind Frauen – in absoluten Zahlen sind das rund 4 Millionen[11]. Alle diese Frauen haben aus ihrer Arbeit in Arztpraxen, in der Seniorenbetreuung, in der Pflege oder in Krankenhäusern wertvolle Perspektiven dazu, was notwendig ist, damit diejenigen, mit denen sie arbeiten, jetzt genau die Behandlung, den Schutz und die Aufmerksamkeit bekommen, die sie benötigen. Als Frau, als Bürgerin und als Mensch wünsche ich mir, dass wir diese Perspektiven anhören, verstehen und beherzigen – denn ohne die Arbeit dieser 4 Millionen Frauen könnten wir keine einzige Corona-Patientin und keinen einzigen Corona-Patienten betreuen und behandeln.

2. Nach welchen Kriterien entscheiden wir, wann und wie wir Schulen und Kindergärten wieder öffnen?

Schulschließungen gehören rund um die Welt zum Standardrepertoire der “Lockdown”-Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus. Nach Angaben der UNESCO sind über 90 Prozent aller Schulkinder weltweit aktuell von den Schließungen betroffen[12]. Die Umsetzung von Schulschließungen folgt dabei im Wesentlichen den Erfahrungen früherer Grippewellen, vor allem auch denen bei der Bekämpfung der H1N1-Influenza (“Schweinegrippe”) 2009[13]. Typisch für diese wiederkehrenden Grippewellen ist, dass Kinder und jüngere Menschen besonders anfällig für die Infektion sind, während ältere Menschen oft eine gewisse Immunität (wahrscheinlich aus früheren Grippewellen) aufgebaut haben[14]. Unter diesen Umständen helfen Schulschließungen, die Verbreitung der Ansteckung unter Kindern und Jugendlichen zu verringern – und entsprechende Effekte sind für vergangene Grippewellen auch nachgewiesen worden[15].

Allerdings: Die Infektionsraten mit dem aktuellen Coronavirus liegen bei Kindern deutlich niedriger als bei herkömmlichen Grippewellen, und nach allen bisherigen Beobachtungen erkranken Kinder meist nicht schwer, sondern zeigen trotz Infektion oft keine bis geringe Symptome[16]. Selbst anekdotische Beispiele für Infektionscluster, in denen Kinder eine zentrale Rolle bei der Verbreitung des Virus spielen, fehlen – auch beispielsweise in Singapur, wo bis Anfang April Schulen und Kindergärten noch geöffnet waren[17]. Faktisch gibt es damit keine gesicherte wissenschaftliche Datenlage zu der Frage, ob und in welchem Umfang Kinder das Coronavirus untereinander oder an Dritte weitergeben[18].

Für die wichtige Frage, wann und unter welchen Rahmenbedingungen wir Schulen und Kindergärten wieder öffnen, fehlt damit leider eine belastbare medizinische Entscheidungsgrundlage – und auch die Leopoldina-Stellungnahme drückt sich vor einer Einschätzung. Es könnte also sein, dass wir Schulen und Kindergärten öffnen – und binnen weniger Wochen massive neue Infektionswellen erleben, weil das Coronavirus sich eben doch unter Kindern und von diesen auf Eltern und Großeltern überträgt. Es könnte aber auch sein, dass wir Schulen und Kindergärten über Wochen und Monate geschlossen lassen, ohne dass das einen wesentlichen Beitrag zur Dämpfung des Infektionsgeschehens leistet – während die direkten praktischen und psychischen Auswirkungen auf Kinder, Familien, Lehrkräfte, Erzieher*innen – und damit indirekt auf die gesamte Gesellschaft – immens sind.

Erzieher*innen und Lehrkräfte in Deutschland sind überwiegend Frauen – knapp 90 Prozent in Kitas, in der Ganztagesbetreuung und im Grundschulbereich, zwischen 50 und 65 Prozent in den weiterführenden Schulen[19]. Ebenso sind es nach wie vor überwiegend Frauen, die in den Familien die Familienarbeit übernehmen[20] – und damit auch die zusätzliche Arbeit, die durch Betreuung von Kita- oder Schulkindern zuhause entsteht. Egal, ob Schulen und Kindergärten öffnen oder geschlossen sind: Es sind Frauen, die sowohl den Schutz der Gesundheit von Kindern, Familien, Verwandten oder Kolleg*innen als auch die Betreuung, Bildung und vor allem auch die seelische und emotionale Begleitung der Kinder gewährleisten – und im Zweifel ihre eigene Erwerbsarbeit dahinter zurückstellen. Als Frau, als Mutter und als selbständige Unternehmerin wünsche ich mir, dass die über eine Million Lehrer*innen und Erzieher*innen gemeinsam mit den rund 10 Millionen Müttern (und Vätern) der Schul- und Kita-Kinder ihre Sicht dazu einbringen, welche Kriterien für sie bei der Öffnung (oder andauernden Schließung) von Schulen und Kindergärten relevant und welche Rahmenbedingungen faktisch überhaupt umsetzbar sind – denn ohne die Mit- und Zusammenarbeit dieser Menschen funktionieren weder geschlossene noch geöffnete Schulen und Kitas[21].

3. Wie genau können wir uns treffen, wenn wir dabei Abstand halten müssen?

Als Maßnahme zur Eindämmung der Pandemie wurden in Deutschland (wie auch in anderen Ländern) nach und nach immer mehr Formen des Zusammentreffens von Menschen grundsätzlich untersagt, zunächst Großereignisse wie Marathonläufe oder Volksfeste, dann Veranstaltungen mit mehr als 1.000 Teilnehmern – und schließlich alle Veranstaltungen egal welcher Art und auch private Feiern, bis hin zu der aktuell geltenden Kontaktsperre[22]. Die Logik hinter diesen Beschränkungen beruhen auf Berechnungen für #socialdistancing, nach denen beispielsweise eine Reduzierung von Kontakten um 75 Prozent nach 30 Tagen eine Reduzierung infizierter Personen von über 400 auf durchschnittlich 2,5 Personen bewirkt[23].

Die Verschärfung der Beschränkungen fand innerhalb weniger Tage statt – in Hamburg beispielsweise lagen nur 10 Tage zwischen der Verschiebung des für den 19. April 2020 geplanten Marathons am 12. März 2020 und der Allgemeinverfügung zu den bisher strengsten Kontaktsperren am 22. März 2020[24]. Dieser Zeitraum war für uns alle viel zu kurz, um ein Gefühl dafür zu entwickeln, welche Formen des Abstandhaltens wir mittel- und langfristig praktizieren müssen, um einer erneuten Ausbreitung der Infektion entgegenzuwirken. Inzwischen etablieren sich allerdings neue Verhaltensweisen, ob in den Schlangen an den Supermarktkassen, beim Spaziergang im Park oder im Gespräch mit den Nachbarn: Wir gewinnen allmählich ein Gefühl für den gebotenen Abstand von 150 Zentimetern – und es kommt uns bereits seltsam vor, wenn wir “alte” Film- oder Fernsehaufnahmen sehen, in denen die Abstandsregeln nicht eingehalten wurden.

Inzwischen ist auch klar: Es gibt in den Geschichten der Ausbreitung des Virus von Asien über Europa bis nach Amerika immer wieder das Phänomen einzelner (Groß-) Ereignisse, die massiv zur Beschleunigung der Ausbreitung des Virus beigetragen haben. Ob Après-Ski-Parties, Karnevalsfeiern oder Gottesdienste: Gemeinsam ist diesen Veranstaltungen, dass viele (erwachsene) Menschen über längere Zeit gemeinsam auf relativ engem Raum heftig ein- und ausgeatmet haben[25]. Das prominenteste Beispiel dafür – nicht vollständig bewiesen, aber nachvollziehbar vermutet: Das Fußballspiel zwischen Atalanta Bergamo und dem FC Valencia im Achtelfinale der Champions League in Mailand am 19. Februar 2020 könnte ein Katalysator für die Verbreitung der Coronavirus-Epidemie in Italien und Spanien gewesen sein[26].

Wir werden in den nächsten Wochen und Monaten immer wieder die Frage beantworten müssen, wie genau wir uns treffen können, wenn wir dabei Abstand halten müssen. Die Stellungnahme der Leopoldina verweist hier auf ihre früheren Stellungnahmen, inbesondere zu Hygienemaßnahmen, Mund-Nasen-Schutz und Distanzregeln. Unklar bleibt aber: Werden wir in den nächsten Monaten (oder Jahren?) kollektiv auf bestimmte Arten von Veranstaltungen komplett verzichten müssen? Was wird aus Fußballspielen, Rockkonzerten, Marathonläufen oder Diskobesuchen? Was ist mit Gottesdiensten mit Gesang oder Fitnesstudios mit hoher Belegungsdichte? Wie können wir in anderen Umfeldern tagtäglich auf geschickte Art Abstand halten? Wo brauchen wir Plexiglasscheiben am Verkaufstresen, wo größere Abständen zwischen Restauranttischen? Wo größere Meetingräume und wo mehr Video- und Telefonkonferenzen? Wo andere Schichtmodelle in der Produktion oder andere Verkaufskanäle im Vertrieb?

Etwas mehr als die Hälfte der Bevölkerung in Deutschland sind Frauen, und Frauen sind es – aus ganz anderen Gründen – gewohnt, im Alltag Abstand zu schaffen und zu halten und grölende Menschenmengen eher zu meiden. Viele Millionen Frauen in Deutschland wechseln beim Joggen routiniert die Straßenseite, um Abstand zwischen sich und einen merkwürdig erscheinenden anderen Jogger zu bringen, oder finden selbst im vollbesetzten Bus oder Zug noch einen Platz mit größtmöglichem Abstand zu der sieggesangseligen Fußballfangang. Gleichzeitig sind die meisten Frauen geübt darin, sich über formale und informelle Netzwerke zu unterstützen und zwar oft auch unabhängig von physischer Nähe – das zeigt sich dieser Tage in der Nachbarschaftshilfe ebenso wie in den Eltern-WhatsApp-Gruppen oder im Austausch in Wirtschaftskreisen [27]. Als Frau, als Sozialwissenschaftlerin und als Unternehmensberaterin wünsche ich mir, dass es uns als Frauen gelingt, den jetzt nötigen Zusammenhalt durch Abstand auf praktische und vernünftige Weise vorzuleben – denn ohne uns Frauen wird Abstandhalten im Alltag nicht gelingen, auch und gerade weil es Frauen sind, die tagtäglich in Supermärkten, Restaurants, Bussen und Bahnen oder in sozialen Berufen in engem Austausch mit anderen Menschen arbeiten (und vielleicht auch ein bisschen, weil manche von uns sogar einen vorläufigen Verzicht auf Fußballspiele verkraften könnten).

4. Welche Normalität wünschen wir uns eigentlich?

Die Stellungnahme der Leopoldina referenziert an mehreren Stellen auf einen gesellschaftlichen “Normalzustand” (Anführungsstriche im Originaltext), der wiederhergestellt werden soll. Unter anderem wird diese “Rückführung in einen gesellschaftliche ‘Normalzustand'” als Argument dafür genutzt, dass wir nun “ein idealerweise räumlich und zeitlich hochaufgelöstes Monitoring- und Vorhersagesystem [brauchen], das in Echtzeit laufend an neue Daten angepasst wird und damit schnelle Reaktionszeiten erlaubt”. Hier entsteht bei mir eine kuriose kognitive Dissonanz: Einerseits geht es – vorgeblich – um eine Wiederherstellung eines Status vor der Pandemie; andererseits werden fundamental neue Mechanismen gefordert, die die gesamte Bevölkerung betreffen – wie beispielsweise umfassende Datenerhebungen via GPS-Daten oder Contact-Tracing oder monatelange massive Veränderungen in der Funktionsweise von Schulen und Kitas. Einerseits schreiben die Autoren selbst mit Blick auf die Erfordernisse “europäisch-solidarischen” Handelns bzw. der Nachhaltigkeit, es könne “nicht einfach eine Wiederherstellung des vorherigen Status geben” – und andererseits fordern sie, “wirtschaftliche Aktivitäten so anzustoßen, dass […] die Wirtschaft wieder auf einen Wachstumspfad zurückkehrt”. Was also nun: Wiederherstellung? Oder keine Wiederherstellung?

Die hier ausgelassene Diskussion ist in meinen Augen eine große verpasste Chance. Warum nutzen wir nicht die Gelegenheit, als Gesellschaft darüber zu diskutieren, welche Normalität wir uns eigentlich zukünftig wünschen? Welches Gesundheitssystem wünschen wir uns, und wie wollen wir uns insgesamt um diejenigen in unserer Gesellschaft kümmern, die – aus welchen Gründen auch immer – unsere solidarische Unterstützung brauchen? Welchen Umgang mit Daten wünschen wir uns, und wie wollen wir den kollektiven Nutzen von Datenerhebungen gegen die möglichen Gefahren für einzelne abwägen? Welches Bildungssystem wünschen wir uns? Wie wollen wir Bildung für alle angemessen zugänglich machen, und wie wollen wir dabei digitale Werkzeuge und Methoden mit analogen Werkzeugen und Methoden zusammenbringen? Welches Wirtschaftssystem wünschen wir uns? Wieviel Wohlstand und Wachstum brauchen wir wirklich, und wie können wir gleichermaßen nachhaltig wie zufrieden leben? Und auch: Wieviel wollen (oder: müssen) wir zukünftig noch reisen? Wieviel wollen (oder: müssen) wir zukünftig an bezahlter “Unterhaltung” konsumieren? Wieviel Zeit wollen (oder: müssen) wir zukünftig mit uns selbst verbringen, weil wir von einer Quarantäne in die nächste rutschen?

An sich glaube ich nicht, dass Frauen prinzipiell besser als Männer dazu geeignet sind, grundlegend neue Perspektiven für die Zukunft zu diskutieren und zu entwerfen. Allerdings: Frauen haben auch mehr als 100 Jahre nach der Einführung des Frauenwahlrechts in Deutschland gesellschaftlich weniger zu verlieren als Männer, weil sie noch immer geringere Anteile an praktisch allem haben, was gesellschaftlich zählt – von Führungspositionen in Politik und Wirtschaft über Einkommen und Gehälter bis hin zu Sichtbarkeit in Medien oder Kultur. Und: Frauen sind es gewohnt, komplexe Prioritäten aufgrund veränderter Umstände neu definieren zu müssen – nicht nur als Mütter im täglichen Ringen mit den Bastelmaterialanforderungen aus Schule oder Kita, sondern auch in anspruchsvollen Jobs mit vielfältigen Kundenbedürfnissen oder in männerkulturdominierten Umfeldern. Als Frau, als Unternehmerin, als Historikerin und als Mensch wünsche ich mir, dass wir – und zwar: alle Frauen und Männer – die aktuelle Situation, die so viele Dinge in Frage stellt, die für uns “normal” waren, bewusst dafür nutzen, uns selbst und unsere bisherigen Gewohnheiten in Frage zu stellen und ausdrücklich miteinander darüber zu streiten, welche Normalität wir uns eigentlich wünschen.

* * *

Abschließend: Die Inspiration zu diesem Blog-Artikel verdanke ich meiner Schwester, die gestern abend in einem kurzen Social-Media-Eintrag ihre Verärgerung über den Inhalt der Stellungnahme und über die Zusammensetzung der Arbeitsgruppe der Leopoldina formulierte. Ohne ihren Hinweis hätte ich die Stellungnahme möglicherweise gar nicht gelesen, einerseits aus lauter Überdruss an im Laufe der letzten Tage und Wochen konsumierten Einschätzungen, Studien und Meinungsäußerungen – andererseits aber auch, weil darin Absätze vorkommen wie der folgende: “Entscheidungen sind auf vielfältige Weise von Unsicherheit, dilemmatischen Voraussetzungen und nicht zuletzt von Zielkonflikten geprägt. Sie sind schon deshalb mit Unsicherheiten behaftet, weil sie stets vor dem Hintergrund alternativer Optionen getroffen werden. Dilemmatisch sind ihre Voraussetzungen oft insofern, als ihre Konsequenzen mit nicht-intendierten Nebenfolgen […] einhergehen. Hinzu kommt: Je nach Entscheidungsdesign und den zugrundeliegenden Prämissen können unterschiedliche Ziele verfolgt werden, die in Konkurrenz oder sogar im Widerspruch zueinander stehen können”.

Im Klartext bedeutet das in etwa: “Im Augenblick weiß keiner, was zu tun ist. Egal, was wir tun (oder nicht tun): Irgendjemand wird darunter leiden. Außerdem will sowieso jeder etwas anderes erreichen”. Oder vielleicht auch einfach: “Wir haben noch nicht die richtigen Fragen gestellt, um wissen zu können, was zu tun ist”. In diesem Sinne würde mich sehr freuen, wenn meine Überlegungen auch andere Frauen dazu bewegen, die Fragen zu formulieren, die sie selbst in der aktuellen Situation gerne beantworten würden (bzw. beantwortet sehen würden) – oder auch dazu, (Teil-) Antworten auf meine Fragen aus ihren jeweiligen Lebenswelten und -wirklichkeiten zu formulieren.

Der zukünftige Zusammenhalt unserer Gesellschaft wird in den nächsten Wochen und Monaten auch davon abhängen, ob und wie es uns gelingt, inneren Abstand von Annahmen und Überzeugungen zu gewinnen, die für uns bisher selbstverständlich waren.

Machen wir uns auf den Weg.


[1] Die jeweils kurztaktig aktualisierten Auswertungen der Johns Hopkins Universität sind in aggregiert auf dieser Seite zu finden [abgerufen am 14. April 2020].BACK TO TEXT

[2] Ungenauigkeiten – und damit vermutlich massive Unterschätzungen der Zahlen – ergeben sich v.a. durch die unbekannte Dunkelziffer nicht getesteter Infizierter. Beispielhaft zeigte eine Studie in Österreich von Anfang April, dass möglicherweise rund drei Mal mehr Menschen mit dem Coronavirus infiziert waren als in den veröffentlichten Statistiken ausgewiesen. Eine Zusammenfassung der Studienergebnisse (inlusive Konfidenzintervalle) ist hier [abgerufen am 14. April 2020].BACK TO TEXT

[3] Eine Übersicht der Maßnahmen findet sich in dieser Zusammenstellung der Tagesschau vom 13. April 2020 [abgerufen am 14. April 2020].BACK TO TEXT

[4] Der Text der Studie steht hier zum Download zur Verfügung [abgerufen am 14. April 2020]. Inhaltlich reichen die Empfehlungen von abstrakten Entscheidungsvorgaben wie: “Alle politischen Maßnahmen, die nicht der unmittelbaren Rettung von Unternehmen dienen, müssen sich auf nationaler wie internationaler Ebene an dem Prinzip der Nachhaltigkeit orientieren” bis zu sehr konkrete Einzelvorschläge wie “eine Konzentration auf Schwerpunktfächer (Deutsch und Mathematik in der Grundschule), die in aufgeteilten kleineren Gruppen einer Klasse zeitversetzt unterrichtet werden”, wobei anschließend eine Gruppengröße von “maximal 15 Schülerinnen und Schüler[n]” explizit angeführt wird.BACK TO TEXT

[5] Spezifische Aspekte der Kritik möchte ich hier nicht hervorheben, da das eine umfangreiche eigene Recherche erfordern würde. Wer sich für die bisherige Debatte um einzelen Aspekte der Studie interessiert, möge selbst eine einschlägige Suchmaschine bemühen. BACK TO TEXT

[6] Weitere Informationen über aktuelle meine berufliche Tätigkeit und meinen bisherigen Werdegang finden sich auf meiner beruflichen Webseite bucketrider.org. Einsichten in meine Denk- und Lebenswelten finden sich auf diesem Blog, aber auch auf meinen privaten Blogs nichtmitabsicht.de und liedderdinge.de und auf meinem Twitter-Profil unter bucketrides [alle abgerufen am 14. April 2020]. BACK TO TEXT

[7] Vgl. dazu meinen letzten Blog-Artikel hier [abgerufen am 14. April 2020].BACK TO TEXT

[8] Die beste Erklärung dieser Logik findet sich nach wie vor in dem Artikel “The Hammer and the Dance”, den Thomas Pueyo im März veröffentlich hat [abgerufen am 14. April 2020].BACK TO TEXT

[9] Tagesaktuell und aggregiert sowie krankenhausspezifisch stellt die Deutsche Interdiszplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallsmedizin diese Daten hier zusammen [abgerufen am 14. April 2020].BACK TO TEXT

[10] Eine einfache Beispielrechnung: Wenn für Corona-Patienten in einer bestimmten Gegend (nach Abzug von Intensiv-Betten, die anderweitig benötigt werden) 100 Intensiv-Betten zur Verfügung stehen, so sind – unter den Annahmen, dass 5% aller Infizierten auf der Intensivstation für durchschnittich vier Wochen behandelt werden müssen – diese Betten dauerhaft belegt, sobald täglich 70 Neuinfektionen nachgewiesen werden. Eine Ansteigen der Infektionen über 70 Fälle pro Tag würde also das System überlasten und muss deshalb vermieden werden. Andere Annahmen ergeben selbstverständlich andere Zahlen – die Rechnung an sich ist aber nicht sehr kompliziert. BACK TO TEXT

[11] Vgl. die entsprechenden Info-Seiten des Bundesgesundheitsministeriums zum Beispiel hier: “Unter den Erwerbstätigen im Gesundheitsmarkt haben Frauen einen hohen Anteil: Mehr als drei Viertel der Beschäftigten sind weiblichen Geschlechts” [abgerufen am 14. April 2020].BACK TO TEXT

[12] Vgl. diese Seite der UNESCO [abgerufen am 14. April 2020].BACK TO TEXT

[13] Vgl. z.B. diesen Bericht der World Health Organization [abgerufen am 14. April 2020].BACK TO TEXT

[14] Vgl. z.B. diesen Artikel über “Transmission Characteristics of the 2009 H1N1 InfluenzaPandemic: Comparison of 8 Southern HemisphereCountries” online hier. Nach Informationen der World Health Organisation erkranken typischerweise 20-30 Prozent aller Kinder, aber “nur” 5-10 Prozent aller Erwachsenen jedes Jahr an der Grippe – vgl. die Übersichtseits der WHO hier [abgerufen am 14. April 2020].BACK TO TEXT

[15] Eine Übersicht zu entsprechenden Studien findet sich in diesem Artikel zu “School closure and management practices during coronavirus outbreaks including COVID-19: a rapid systematic review” [abgerufen am 14. April 2020].BACK TO TEXT

[16] Vgl. z.B. diese Studie über “Clinical and epidemiological features of 36 children with coronavirus disease 2019 (COVID-19) in Zhejiang, China: an observational cohort study” [abgerufen am 14. April 2020].BACK TO TEXT

[17] Die (wenigen) Fälle, in denen in Singapur Kinder in Preschools infiziert waren, sind solche, in denen immer auch erwachsene Betrauungspersonen infiziert waren. Vgl. zu den Cluster in Singapur die Übersichten des Gesundheitsministeriums hier [abgerufen am 14. April 2020].BACK TO TEXT

[18] Eine Studie von 2010 zu “Effects of Coronavirus Infections in Children” zog bezüglich der früheren Corona-Viren den Schluss: “In general, all of these viruses (including SARS-CoV) have been confirmed as mainly respiratory viruses with limited clinical relevance in children. They cause mainly [upper respiratory tract infections], are not frequently isolated in hospitalized children […], and, because they are rarely transmitted to other household members, have a marginal socioeconomic effects on families” [abgerufen am 14. April 2020].BACK TO TEXT

[19] Vgl. diesen und diesen Artikel aus dem SPIEGEL mit Zahlen der letzten Jahre [abgerufen am 14. April 2020].BACK TO TEXT

[20] Vgl. zum Beispiel den Väterreport des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend von 2018, in dem es u.a. heißt: “Tatsächlich verwirklicht wird ein partnerschaftliches Modell jedoch nur von einer Minderheit von 14 Prozent der Eltern”. [abgerufen am 14. April 2020].BACK TO TEXT

[21] Ein gutes Beispiel für ein – aus Eltern- wie Lehrersicht – irrelevantes Kriterium findet sich in der Stellungnahme der Leopoldina, wo empfohlen wird, dass “die Öffnung der Grundschule […] mit den Kindern in den Abschlussklassen der Primarstufen begonnen werden [sollte]”. Die Kinder der vierten bzw. sechsten Klassen haben die Empfehlungen für die weiterführenden Schulen bereits mit dem Halbjahreszeugnis erhalten, und inzwischen sind – zumindest in Hamburg – die Bescheide der weiterführenden Schulen längst verschickt. Die Viert- bzw. Sechstklässer, die aktuell nicht zur Schule gehen, gehören deshalb vermutlich zu den am wenigsten “bedürftigen” Gruppen.BACK TO TEXT

[22] Die Leitlinien hierzu vom 22. März 2020 sind hier nachzulesen [abgerufen am 14. April 2020].BACK TO TEXT

[23] Vgl. z.B. die Grafik hier samt Erläuterung und Verweis auf die Orginalquelle [abgerufen am 14. April 2020].BACK TO TEXT

[24] Die seinerzeit ersten Informationen zum Marathon vom 12. März 2020 sind hier nachzulesen, und die Allgemeinverfügung vom 22. März 2020 ist hier [abgerufen am 14. April 2020].BACK TO TEXT

[25] Vgl. für Südkorea z.B. die Geschichte der Patientin 31 und die Verbreitung des Virus über die Shincheonji-Kirche, beschrieben hier. Auch die kleineren Cluster – Fitnessstudio oder Call-Center – passen in das beschriebene Muster [abgerufen am 14. April 2020].BACK TO TEXT

[26] Eine differenzierte Betrachtung hierzu hat Tom Mustroph am 24. März 2020 in diesem Artikel in der ZEIT angestellt [abgerufen am 14. April 2020].BACK TO TEXT

[27] Anekdotisch kann ich berichten, dass die – formalen und informellen – Frauennetzwerke, denen ich angehöre, binnen weniger Tage Mechanismen zur gegenseitigen Unterstützung in der Corona-Krise auf die Beine gestellt hatten. Mit mehr wissenschaftlichem Anspruch kann ich darauf verweisen, dass ich in meiner Habilitationsschrift u.a. gezeigt habe, welche Rolle Frauennetzwerke für den Zusammenhalt der politischen Eliten in der Zeit der französischen Revolution gespielt haben.BACK TO TEXT

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