Kritik der leisen Vernunft: Ein Versuch über die Flüchtlingsdebatte in unseren Köpfen

Wer dieser Tage in Deutschland lebt[1], wird – gewollt oder ungewollt – zu einer Stimme in der Diskussion darüber, wie wir den Menschen begegnen, die bei uns ankommen, weil sie dort, wo sie herkommen, nicht mehr so leben können, wie sie es als menschenwürdig empfinden. Ob der Arbeitskollege aus Süddeutschland die Norddeutsche fragt: “Kommen nach Hamburg im Augenblick auch viele Flüchtlinge?”[2], ob beim Elternabend im Kindergarten darüber diskutiert wird, wie und was für Flüchtlingskinder gesammelt werden kann, ob die Hashtags der sozialen Medien #refugeeswelcome, #refugeehackathon oder #wirschaffendas in die Timelines rufen, ob der Sohn vor dem Schlafengehen fragt: “Mami, kann es in Deutschland auch Krieg geben? Und wohin fliehen wir dann?” – mit jeder Antwort, die ich gebe (oder: die ich nicht gebe), werde ich zum Mit-Handelnden in den Veränderungen unserer Gesellschaft, über die plakativ als “Flüchtlingsdebatte” nachgedacht, geredet und geschrieben wird[3].

Die Stimmen, die ich von anderen höre, wenn ich hinhöre, sind vielfältig –  und weit davon entfernt, eine  stimmige Geschichte zu erzählen: Da sind – allen, die daran beteiligt sind, sei es immer wieder gedankt! – diejenigen, die unermüdlich – organisiert oder unorganisiert, in freiwilligen Initiativen oder in institutionellen Rollen, als Einzelne oder in Gruppen – daran mitarbeiten, auf die Menschen, die bei uns eintreffen, beim Ankommen zuzugehen, zu verstehen, was sie brauchen und was ihnen fehlt, und menschlich, praktisch und zügig für Hilfe zu sorgen, wo Hilfe nötig ist. Da sind diejenigen, die dort, wo Hass oder Gewalt aufflammen, mit kleinen und großen Gesten deutlich machen, dass sie Aggressivität niemals tolerieren werden. Da sind diejenigen, die Angela Merkel in ihrer Haltung des: “Wir schaffen das!” unterstützen und stärken[4], und da ist eine Kanzlerin, die sich in ihrer Überzeugung nicht beirren lässt, dass es ihre Aufgabe ist, “alles daran zu setzen und den Optimismus und auch die innere Gewissheit zu haben, dass diese Aufgabe lösbar ist”[5]. Da sind aber auch Kommunen, die sich sorgen, wie ihnen in ihrer täglichen Arbeit die Bewältigung der Herausforderungen gelingen kann[6], Medien, die zwischen “Willkommenskultur”-Euphorie und “Jetzt kippt die Stimmung”-Kassandriaden teilweise im Stunden- oder Tagesrhythmus hin- und hermäandern[7], und – leider, jedes Mal wieder leider – einzelne, die auf furchtbare Weise irrtümlich glauben, dass eine Brandstiftung oder eine Hasstirade jemals ein Mittel der Kommunikation sein könne.

Wo viel, laut und kontrovers geredet wird, sind wir immer der Versuchung ausgesetzt, die äußeren Stimmen auch zu Wortführern unserer inneren Debatten werden zu lassen, so dass, was wir zu meinen glauben, nicht mehr unsere eigenen Überzeugungen zum Ausdruck bringt, sondern reflektiert, wovon andere – absichtlich oder unabsichtlich – versuchen, uns zu überzeugen. Das Phänomen ist wohlbekannt, wenn es um Entscheidungsfindung in Gruppen geht – bestens durchdrungen im Zusammenhang mit sachlich zweifelhaften oder moralisch verwerflichen Zielen und deren Umsetzung[8]. Allein: In der Flüchtlingsdebatte haben wir es eben gerade nicht mit einer einfachen oder eindeutigen Botschaft zu tun, von der einer (oder eine) versucht, die anderen zu überzeugen. Stattdessen tobt um uns herum ein multidimensionales Argumentationsgewitter, in dem Wahrheit und Trug, Richtig und Falsch, Möglich und Unmöglich in ebenso dichter wie unvorhersehbarer Folge einschlagen. Und unser Kopf lässt sich mitreißen, mal hierhin, mal dorthin, hin- und hergeschleudert von den Elementen, ausgeliefert und durchgeschüttelt – während die leise Vernunft, die bei heller Sonne, klarem Himmel und ruhiger See ohne Anstrengung das alles begreifen könnte, bleich, seekrank und speiübel in der Ecke kauert und verzagt an trockenem Zwieback nagt.

Dabei brauchen wir nichts dringender als die überlegte Stimme unserer eigenen Vernunft, um uns selbst in den Veränderungen um uns herum zurechtzufinden und um gemeinsam Wege in eine Zukunft zu gestalten, in der Menschen ohne Krieg, Gewalt, Verfolgung und Terror leben können. Das Nachdenken über das, was sich verändert, und was das für uns bedeutet, kann uns niemand abnehmen – wir müssen, jede und jeder für sich, die Flüchtlingsdebatte in unseren Köpfen zuerst mit uns selbst führen. Und dazu müssen wir unsere leise Vernunft aus ihrem Winkel locken, sie aufpäppeln[9] und ihr dabei helfen, ihre eigene Stimme zu finden – eine Stimme, die sich auch von Orkanböen, Platzregen oder Donnerschläge nicht ersticken lässt.

Hier sind vier Fragen, um unsere leise Vernunft in ein Gespräch zu verwickeln, aus dem am Ende alle lernen können, mit klarer und deutlicher Stimme uns selbst und anderen Orientierung im Sturm zu geben:

  1. Was stimmt? Und was stimmt nicht? Die erste Frage, mit der wir die leise Vernunft aus der Ecke locken, in der sie verloren (und vielleicht auch ein wenig verfroren[10]) wartet, dass das Unwetter sich legt, ist die moderne Variation des zeitlosen: “Was kann ich wissen?”. Je mehr wir uns angewöhnen, als Fakten ausstaffierte Aussagen nach ihren Quellen, ihren logischen Argumenten und ihrer statistischen Validität zu befragen, umso mehr lichtet sich nicht nur das äußere Durcheinander von Schein und Sein, sondern auch unser inneres Durcheinander von Glauben und Wissen. Dazu gehört ein gehöriges Maß an Selbst-Kritikfähigkeit – sich selbst beim “Sich Verdenken” zu erwischen und nicht in Bequemlichkeiten des Denkens zu verfallen[11]. Die bloße Tatsache, dass jemand eine Aussage in den Raum stellt, sagt nichts darüber, ob diese Aussage einer sachlichen Überprüfung standhält – diese Prüfung vor- und anzunehmen, ist ureigene Aufgabe unserer Vernunft.
  2. Was soll ich tun? Die zweite Frage, zu der wir die leise Vernunft einladen müssen, ist geradezu ihr Spezialgebiet – und zum Glück im Fall der Flüchtlingsdebatte für die meisten von uns gar nicht besonders schwer zu beantworten. “Was”, können wir fragen, “würde ich von anderen erleben und erfahren wollen, wenn ich als Flüchtling in ein fremdes Land käme?”. Oder (mit mehr kantischer Raffinesse): “Nach welchen Prinzipien des Umgangs mit Flüchtlingen sollte ich handeln, von denen ich zugleich wollen kann, dass sie Grundlage für eine allgemeine Gesetzgebung wären?”[12]. Die Maßstäbe für Verhalten, das wir von uns selbst erwarten können, wenn wir den Menschen begegnen, die jetzt zu uns kommen, finden wir in uns selbst – sie sichtbar zu machen und uns daran zu erinnern, ist ureigene Aufgabe unserer Vernunft.
  3. Was kann ich (jetzt gerade) tun? Die dritte Frage stellt sich sofort, wenn die zweite beantwortet ist – und wenn wir (in demselben Atemzug) merken, dass wir unseren eigenen Maßstäben doch vielleicht nicht immer gerecht werden. Was, wenn ich weiß, was ich tun sollte, aber: Das Kind ist krank; der neue Job fordert meinen Einsatz und meine Zeit; eine dringende Dienstreise verschiebt mich ins Ausland; die pflegebedürftigen Eltern brauchen Zuwendung; das neue Projekt bringt den Kalender durcheinander; das Dach, das Auto, die Heizung müssen repariert werden. Nicht jede (zeitweise) verschobene Priorität ist ein Verrat unserer moralischen Integrität[13], aber manche Scheinheiligkeit unserer moralischen Selbstdarstellung wird durch unsere tatsächlichen Prioritäten entlarvt – den feinen Unterschied zwischen beidem aufzuspüren und uns zur Selbst-Ehrlichkeit zu ermahnen, ist ureigene Aufgabe unserer Vernunft.
  4. Was macht mir die größten Sorgen? Die vierte Frage kostet Kraft: Wenn wir uns selbst genau zuhören, vernehmen wir auch in uns (wie um uns herum) ohne Zweifel wenigstens gelegentlich ein Flüstern der einen oder anderen Sorge oder ein Wispern der einen oder anderen Angst. Nicht: “Was kann ich hoffen?”, ist hier die Frage, sondern: “Was macht mir Angst?” – und die Antwort muss und wird uns auf Dinge stoßen, die uns selbst ausmachen, und damit auch auf neue Fragen, die wir nur selbst beantworten können. Wer sich um seine Nachbarschaft sorgt, muss sich fragen, wie er (oder sie) das Umfeld mit alten und neuen Nachbarn gemeinsam so gestalten kann, wie er (oder sie) es sich erträumt. Wer Angst um seine Zukunft hat, muss sich fragen, was sie (oder er) selbst tun kann, um seine eigenen Chancen in der Gesellschaft oder am Arbeitsmarkt zu verbessern. Unsere Sorgen und Ängste verstehen wir nur aus uns selbst heraus, und wir vertreiben sie nur, wenn wir ihnen den Boden in uns selbst entziehen[14] – diese konstruktive Selbst-Dekonstruktion unverzagt zu betreiben, ist ureigene Aufgabe unserer Vernunft.

Wenn wir uns diesen Fragen mutig und aufrichtig stellen, dann kann an die Stelle von Informationsdurcheinander, Gutmenschenbesserwissereien, Duckmäuservorhaltungen und Wirmüssendiesorgenernstnehmenrhetorik in unseren Köpfen eine – vermutlich nicht einfache, dafür aber ehrliche – Erzählung von Sachlichkeit, Verantwortung, Selbstkritik und Lernbereitschaft treten. Auf diese Erzählung gestützt, steht die leise Vernunft dann wenigstens an der Reling, den Blick ins Weite gerichtet, die Nase im Wind, das flaue Gefühl im Magen nur noch ein schwaches Erinnern, das Herz gefasst und offen für die Hoffnung, dass es eine Zeit geben kann, in der niemand mehr vor irgendjemandem fliehen muss. Und bis diese Zeit kommt, kann jede und jeder von uns eine Stimme dafür sein, dass Menschen anderen Menschen helfen, weil sie sich nicht darauf einlassen, dass Windhosen und Wirbelstürme ihnen den Kompass im Kopf verwirren, mit dem die Vernunft zu navigieren versteht, wenn wir sie nur lassen.

“Deinde ut suis commodis aequi… in commune consulant… et ipsi in partem veniant”[15].


[1] Once again, I apologize to those of my readers with limited knowledge of the German language – this is another post in German, as it talks about the discussions concerning the refugees coming to Germany; I’m thinking of also publishing an English version, so stay tuned. In the meantime, you can read another (English) post of mine on this topic here. BACK TO TEXT

[2] Meine Gedanken rund um #hhhilft habe ich hier vor einigen Wochen aufgeschrieben. BACK TO TEXT

[3] Natürlich kann man eine Debatte darüber anzetteln, ob und in wiefern die Bezeichnung “Flüchtling” die treffendste Bezeichnung für die Menschen ist, die in diesen Wochen bei uns ankommen, und man kann eine weitere Debatte darüber anzetteln, ob und wiefern der Begriff “Debatte” dem, was wir erleben, Rechnung trägt. Diese Debatten möchte ich hier ausdrücklich nicht führen. Damit sage ich gleichzeitig ausdrücklich nichts darüber, wie ich inhaltlich zu den angerissenen Fragen stehe. BACK TO TEXT

[4] Siehe zum Beispiel den aus den Reihen der CDU initiierten offenen Brief an Angela Merkel hier [retrieved Oct 23, 2015]. BACK TO TEXT

[5] Zum Beispiel in ihrem Auftritt bei Anne Will am 7. Oktober 2015 oder in ihrem Interview mit der FAZ am 18. Oktober 2015 [retrieved Oct 23, 2015]. BACK TO TEXT

[6] Vgl. hierzu den Bericht in der Zeit Online vom 21. Oktober 2015 [retrieved Oct 23, 2015]. BACK TO TEXT

[7] Ich wage die – nicht analytisch, sondern lediglich durch meine persönlichen Beobachtungen der vergangenen Wochen intuitiv belegte – Hypothese, dass eine entsprechende Recherche für jedes einzelne Massenmedium im deutschen Markt derzeit Belege für beide Tendenzen in munterem Wechsel zu Tage fördern würde.BACK TO TEXT

[8] Aus ganz unterschiedlichen Richtungen beleuchtet beispielsweise (Achtung: Dies ist keine umfassende Literaturliste zum Thema!) von Elias Canetti in “Masse und Macht” (1960), von Irving Lester Janis in seinen Arbeiten zu “Group Think” (das gleichnamige Buch erschien 1982) oder in den Filmen “The Wave” (1981 unter der Regie von Alex Grasshoff, 2008 unter der Regie von Dennis Gansel). BACK TO TEXT

[9] Beispielsweise – je nach Präferenz – mit “rotem Wein und gutem Brot” (Goethe, 13. Mai 1787) oder mit “ein wenig Taube und Kranzbrot” (Dr. Grabow, ca. 1835). BACK TO TEXT

[10] Ja, das ist von Erich Fried geborgt (“Worte”, aus: “Liebesgedichte”; 1979). BACK TO TEXT

[11] Pflichtlektüre hierzu sind u.a. Daniel Kahnemanns “Thinking Fast and Slow” (2011), Nicolas Nassim Talebs “Fooled by Randomness” (2001) sowie “Antifragility” (2012) ebenso wie “Nudge” von Cass R. Sunstein/Richard H. Thaler (2008). Die Herausforderung des reflektierten Denkens, insbesondere angesichts von scheinbar quantitativen Argumenten, gilt übrigens unabhängig von der Flüchtlingsdebatte für alle Auseinandersetzungen unserer Zeit. BACK TO TEXT

[12] So ziemlich jede der zahlreichen moralische Denkweisen unserer Welt – westliche, östliche, nördliche, südliche – würde vermutlich ähnliche Fragen vorschlagen – und die Antworten auf diese Fragen würden vermutlich im allgemeinen auch ähnlich lauten, egal, wer, wie, was genau gefragt hat. BACK TO TEXT

[13] Unter diesem Selbst-Verdacht leiden wir in Deutschland auch und gerade als Folge unserer eigenen Geschichte: Wer erlebt oder erfahren hat, dass Nichts-Sehen, Nichts-Sagen und Nichts-Tun grauenvolle Konsequenzen für Millionen von Menschen hatte, und wer sich auch nur im Ansatz einem “Nie wieder!” verpflichtet fühlt, ringt jedes Mal mit seinem eigenen und mit dem kollektiven Gewissen, wenn er (oder sie) etwas nicht in Angriff nimmt, was er (oder sie) für moralisch geboten hält (ganz unabhängig von den tatsächlichen Folgen des Nicht-Handelns in der konkreten Situation). Wer nicht am Bahnhof steht, um Wasserflaschen und Willkommensgrüße an ankommende Flüchtlinge zu verteilen, kann sich so sogleich unter dem Selbst- und Fremdverdacht finden, eigentlich ein Brandstifter zu sein. Was – zum Glück! – mit allergrößter Wahrscheinlichkeit auf den allergrößten Teil derjenigen, die nicht am Bahnhof stehen, nicht zutrifft. BACK TO TEXT

[14] Die psychologischen und neurologischen Erkenntnisse, die dieser These zugrunde liegen, sind meisterhaft (und mit umfangreichen Hinweisen auf andere Forschungen) erläutert in “Unlocking the Emotional Brain” von Bruce Ecker, Robin Ticic und Laurel Hulley (2012). BACK TO TEXT

[15] “Es möge also jeder einzelne im eigensten Interesse… auf das allgemeine Wohl bedacht sein… und dafür eintreten” – aus dem Abschnitt aus Francis Bacons “Instauratio Magna”, die Immanuel Kant der zweiten Auflage seiner “Kritik der reinen Vernunft” vorangestellt hat (1787). BACK TO TEXT

2 responses to Kritik der leisen Vernunft: Ein Versuch über die Flüchtlingsdebatte in unseren Köpfen

  1. Habe das mit großem Interesse und ebensolcher Zustimmung gelesen und kann es gerade mal wieder nicht begreifen, wie weit entfernt wir davon sind, uns über die wichtigen Themen sachlich, kontrovers und respektvoll zu verständigen …

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  2. Lara Bandilla

    Guten Morgen Anja, schöner Text! Auch in deutscher Sprache ist es eine Freude, von dir zu lesen. Ich bin diese Woche in Köln und Minette und ich haben uns getroffen und sie ist wirklich sehr klug und sympatisch. Meine Website ist fertig und online, wenn du Lust hast kannst du mal gucken: http://www.larabandilla.de

    Beste Grüße, musst du auch mit Kürbissen ran?

    Lara

    Von meinem iPhone gesendet

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