am beckenrand

In diesem Jahr war ich zum zweiten Mal in meinem Leben auf der re:publica. Im letzten Jahr war ich zum ersten Mal dort, und im Jahr davor habe ich einige Vorträge über den Livestream verfolgt. Einerseits ist diese späte Bekanntschaft nicht überraschend: Ich mache nichts “mit Medien”[1], und ich habe erst seit Mai 2013 einen aktiven Twitteraccount[2]. Andererseits wundert es mich oft, wie spät ich die re:publica und ihre Netzgemeinde auf Twitter entdeckt habe. Ich habe in den 1980er und 1990er Jahren in der Schule und im Studium selbst (harmlose) Computerviren und (strategische) Computerspiele programmiert, habe Geschichte, Philosophie und Informatik studiert, über Krieg, Frieden, Eliten und Revolution geforscht[3], und fühle mich den Prinzipien der europäischen Aufklärung und der offenen Gesellschaft verpflichtet und tief verbunden. Es hätte also eigentlich schon früher zu einer Begegnung zwischen der re:publica und mir kommen können, und die Zeichen standen nicht schlecht dafür, dass diese Begegnung in eine Beziehung wechselseitiger Sympathie münden würde – trotz der schicksalhaften Verspätung unseres Aufeinandertreffens.

Tatsächlich habe ich in den Jahren meiner Aktivität auf Twitter – und damit meiner Annäherung an die re:publica – viele spannende Themen und Thesen entdeckt, alte Freundinnen und Freunde wieder getroffen oder besser kennengelernt und neue Freundschaften geschlossen, vor allem – um das einmal ausdrücklich zu sagen – mit klugen und witzigen Frauen mit außergewöhnlicher emotionaler Intelligenz und feinstem Fingerspitzensprachgefühl. Alle diese Freundschaften manifestieren sich längst auch in der nicht-virtuellen Welt – in Papierfliegern oder Geschäftsaufträgen, in Kakaobrot oder Filmauftritten, in Baumschattenlichtspiegelungen oder Weihnachtspost. Ihr wisst, wer Ihr seid – und ich bin froh und dankbar, dass es Euch gibt.

Gleichzeitig habe ich auf Twitter – und damit auch mit mehreren derjenigen, die den Kern der re:publica ausmachen[4] – einige meiner frustrierendsten Netz-Erlebnisse überhaupt gemacht. Ich habe freundliche Antworten oder interessierte Anfragen an Menschen geschickt, die darauf nie reagiert haben; ich bin für witzig, nett oder nachdenklich gemeinte Kommentare vor anderen als “nervig”, “übergriffig” oder “verrückt” bezeichnet worden; ich bin von einem Tag auf den anderen von Menschen “geghostet” worden, die ohne Erklärung einen vorher über Monate andauernden Dialog abrupt beendet haben. Meine Annäherung an die re:publica war und ist deshalb auch von der Frage geprägt: Wie kann es intelligenten und warmherzigen Menschen, denen Respektlosigkeit und Ausgrenzung jeglicher Art zutiefst zuwider sind, dennoch passieren, dass sich jemand wie ich respektlos behandelt und ausgegrenzt fühlt – obwohl wir doch in Überzeugungen, Ansichten und Vorlieben viele Berührungspunkte haben?

Natürlich kann es für alle meine Erfahrungen ganz banale Erklärungen in den jeweiligen Umständen geben. Natürlich kann eine freundliche Antwort oder eine interessierte Anfrage im falschen Augenblick kommen, schlichtweg übersehen werden oder im allgemeinen Netzrauschen untergehen. Natürlich kommt nicht alles, was von mir witzig, nett oder nachdenklich gemeint ist, auch bei allen anderen als witzig, nett oder nachdenklich an. Natürlich haben Menschen manchmal gute Gründe, Abstand von anderen und von der Welt zu halten. Natürlich kann es sein, dass ich mich hier im Ton vergriffen und dort im Kontext vertan habe – wofür ich mich ausdrücklich entschuldige. Und natürlich bin ich introspektiv genug veranlagt, um auch in Erwägung zu ziehen, dass meine Empfindlichkeiten nur Reinkarnationen traumatischer Kindheits- oder Jugenderlebnisse sind – das ungewollt wiedererlebte innere Drama des bei der Mannschaftsaufstellung im Sportunterricht immer zuletzt noch auf der Bank sitzenden Kindes.

Dennoch und trotz alledem: Was ich persönlich erlebt habe und immer wieder erlebe, beobachte ich auch dann in meiner Timeline, wenn es um andere geht – von denen einige sich inzwischen deshalb sogar aus dem virtuellen Raum zurückgezogen haben. Da ich beruflich viel damit zu tun habe zu verstehen, warum Gruppen von Menschen (und Individuen in diesen Gruppen) sich so verhalten, wie sie sich verhalten, kommen mir dabei immer wieder dieselben Fragen in den Sinn. Und da ich an den Geist und an die Grundsätze der re:publica glaube, glaube ich auch daran, dass es sich lohnt, diese Fragen zu stellen und darüber nachzudenken – selbst wenn (oder auch: weil) ich das als jemand tue, der am Beckenrand des Bällebads sitzt und nicht mitten drin.

Erstens: Warum stellt Ihr[5] Menschen bloß? Warum ist es für Euch wichtig und richtig, auf Twitter darüber zu schimpfen, was die Paketbotin, das Paar am Nachbartisch im Restaurant, die Business-Tussi am Flughafen, der Vater auf dem Spielplatz, der prospektive Kunde oder die grölenden Mädchen im Bus getan, gesagt oder einfach nur als Kleidungsstück oder Accessoire getragen haben? Wenn es Euch wirklich stört: Warum geht Ihr nicht direkt zu demjenigen, derjenigen oder denjenigen hin, die Euch stören und erklärt ihnen, was Euch stört und warum? Wie soll sich etwas ändern, wenn diejenigen, die anecken, gar nicht wissen, dass sie anecken und womit? Und: Glaubt Ihr ernsthaft, dass Menschen ihr Verhalten ändern, weil sie auf Twitter gelesen haben, wie andere sich über sie lustig gemacht haben? Natürlich: Lästern verbindet. Aber: Wer sich bloßgestellt fühlt, rennt weg oder schlägt zurück. Wollen wir im Zweifel nicht in einer Gemeinschaft leben, in der alle das, was sie stört, direkt bei denen ansprechen können, die daran etwas ändern können[6]? Jedenfalls lieber als in einer Gemeinschaft, die deshalb zusammenhält, weil ihre Mitglieder gemeinsam über das lästern, was sie an anderen stört?

Zweitens: Warum antwortet Ihr nicht? Warum haltet Ihr es für wichtig und richtig, Antworten auf Tweets zu ignorieren – oder sogar als unerwünschte “Replies from Hell” zu diskreditieren[7]? Warum lasst Ihr zu, dass jede/r Euch persönliche Nachrichten senden kann, beklagt Euch dann aber darüber, dass das geschieht oder macht Euch über die lustig, die Euch Nachrichten schreiben? Warum verbreitet Ihr stolz, wenn Ihr andere ignoriert, mutet oder blockt? Selbst wenn Ihr eine Antwort oder eine Anfrage nicht versteht, seltsam findet oder sie Euch wütend macht: Warum sagt Ihr das nicht denen, die antworten oder anfragen? Warum fragt Ihr nicht nach, was sie meinen? Wie sollen Menschen verstehen, wie und warum sie andere irritieren, wenn diese ihnen das nicht erklären? Natürlich: Ignorieren, Muten und Blocken geht leicht und schafft das, was irritiert, aus dem Auge und aus dem Sinn. Aber: Wer nicht gesehen wird, kämpft um Sichtbarkeit, und wer nicht gehört wird, kämpft um Gehör. Wollen wir im Zweifel nicht in einer Gemeinschaft leben, die alle sieht und anhört, auch wenn sie Dinge denken, sagen oder tun, die wir zunächst nicht verstehen, die wir nicht nachvollziehen können oder die uns sogar aufregen[8]? Jedenfalls lieber als in einer Gemeinschaft, in der sich die durchsetzen, die andere zum Schweigen bringen?

Drittens: Warum habt Ihr ein Bällebad? Warum spielen auf der re:publica und – mehr noch – im Austausch der Netzgemeinde auf Twitter Symbole, Chiffren und Metaphern so eine große Rolle? Warum schreibt Ihr über Käsekuchen, Gin-Tonic, Avocados oder Einhörner? Warum wollt Ihr alles anzünden oder wenigstens mit Käse überbacken? Warum spielt Ihr Ping-Pong mit Memes und GIFs und schriebt Kettentweets über belanglose Nichtigkeiten? Mal abgesehen vom Recht aufs gelegentliche Quatschmachen, das wir alle uns immer erhalten sollten: Wie kann jemand, der nicht mit diesem symbolischen Kapital aufgewachsen ist, jemals den Anschluss an diese Sinn- und Lebenswelten finden? Und wie kann jemand, der keinen Anschluss an diese Sinn- und Lebenswelten hat, jemals das Gefühl haben, angekommen und angenommen zu sein? Wer die Codes einer Gruppe nicht kennt und nicht nutzen kann, bleibt ewiger Außenseiter. Natürlich: Insider-Chats machen Spaß. Aber: Wer nicht mitreden kann, fühlt sich ausgeschlossen. Wollen wir im Zweifel nicht in einer Gemeinschaft leben, die offen für Menschen ist, die unsere – natürliche und symbolische – Sprache (noch) nicht sprechen? Jedenfalls lieber als in einer Gemeinschaft, die sich über eine Sprache definiert, die Eingeweihten vorbehalten ist?

Falls jetzt noch jemand mitliest: Meine Fragen richten sich an niemanden persönlich. Ich mag die re:publica sehr, und ich mag die Twittergemeinde, die sie erfunden hat, die sie trägt, und die sie weiterentwickelt. Meine Fragen vom Beckenrand des Bällebads sind aus dem Glauben an die Tugenden geboren, die in meiner Wahrnehmung die re:publica ausmachen: Zivilcourage, Kritikfähigkeit und unbedingte Offenheit für das Neue, das Andere und das Fremde. Wir alle brauchen diese Tugenden mehr als je zuvor, auch und gerade wenn wir Extreme und Polarisierungen in unserer Gesellschaft überwinden wollen. Und ich glaube, dass wir alle mehr dazu beitragen, wenn wir – nicht nur im Netz, aber vor allem auch dort – mit Menschen sprechen (und nicht: über Menschen), wenn wir zuhören und antworten (und nicht: weghören und schweigen) und wenn wir uns gegenseitig dabei helfen, unsere verschiedenen Sinn- und Lebenswelten zu verstehen und zu erkunden.

Zum Schluss, liebe re:publica, hoffe ich, dass das, was ich hier geschrieben habe, unsere Beziehung verständnisvoller, belastbarer und stärker macht. Ich freue mich sehr darauf, Dich bald wiederzusehen – im Netz, in persönlichen Begegnungen und nächstes Jahr in Berlin bei der #rp19. Ich werde dann wieder am Beckenrand vom Bällebad sitzen – und wenn Du mir Mut machst, trau’ ich mich vielleicht zu springen.


[1] Disclosure: Ich arbeite als selbständige Unternehmensberaterin (dazu mehr auf bucktrider.org) und schreibe neben diesem zwei weitere Blogs, einen autobiografischen über Dinge (auf liedderdinge.de) und einen Familienblog (gemeinsam mit meiner Schwester auf nichtmitabsicht.de). BACK TO TEXT

[2] Auf Twitter bin ich @bucktrides. Einen früheren Account unter @mayadeha hatte ich bereits im April 2009 angelegt, dann aber praktisch nicht aktiv genutzt. Das lag v.a. daran, dass ich damals bei einer Firma beschäftigt war, in deren Philosophie ein “hier privat unterwegs” nicht vorkam – meiner Ansicht nach übrigens richtigerweise, aber das ist ein anderes Thema.BACK TO TEXT

[3] Disclosure: Meine Magisterarbeit war “Rêveurs de Paix? Friedenspläne bei Crucé, Richelieu und Sully” [Hamburg 1995], meine Dissertation “Von Regensburg nach Hamburg. Die diplomatischen Beziehungen zwischen dem französischen König und dem Kaiser vom Regensburger Vertrag (13. Oktober 1630) bis zum Hamburger Präliminarfrieden (25. Dezember 1641)” [Münster 1998], meine Habilitationsschrift “Reflexive Politik im Sozialen Raum. Politische Eliten in Genf zwischen 1760 und 1841” [Mainz 2003]. Ich war außerdem (Mit-) Herausgeberin von zwei Bänden der politischen Korrespondenz von Kardinal Richelieu [Paris 1997/9] sowie der Sammelbände “Eliten um 1800. Erfahrungshorizonte, Verhaltensweisen, Handlungsmöglichkeiten” [mit Małgorzata Morawiec und Peter Voss, Mainz 2000] und “War, Peace and World Order in European History” [mit Beatrice Heuser, London/New York 2001].BACK TO TEXT

[4] Natürlich ist die re:publica nicht identisch mit Twitter, nicht einmal mit der deutschsprachigen Twitterszene (und umgekehrt). Die personellen Überschneidungen zwischen beiden sind aber – nicht zuletzt in meiner persönlichen Filterblase – hinreichend groß.BACK TO TEXT

[5] Ja, mit diesem “Ihr” mache ich mir das Leben rhetorisch einfach, da ich mich – am Beckenrand sitzend – aus dem Kreis der Adressaten (und damit der Betroffenen) ausnehme. Gleichzeitig gebe ich Euch als Lesern die Wahl, ob und in welchen Punkten Ihr Euch mit dem “Ihr”  identifizieren wollt. Wenn nicht, könnt Ihr auch mit mir am Beckenrand sitzen. Im übrigen gebe ich offen zu, dass ich selbst in keinem der drei folgenden Punkte so diszipliniert bin, wie ich das gerne wäre. Auch ich lästere über andere, antworte nicht auf Anfragen oder Kommentare und spiele gerne mit Metaphern. Was mir hier aber wichtiger ist: Ich habe den Eindruck, dass die folgenden Punkte sich in (Teilen der) re:publica Netzgemeinde als ein Habitus festgesetzt haben, der eigentlich im Widerspruch zu den Grundsätzen steht, nach denen diese Gemeinde gerne leben möchte – und ich mit ihr, wenn ich darf.BACK TO TEXT

[6] Ich bin übrigens überzeugt davon, dass es im Umgang mit Akteuren in Politik oder Wirtschaft unter bestimmten Umständen durchaus eine Berechtigung – und manchmal sogar eine Pflicht – zur öffentlichen Aufdeckung von Missständen gibt (Stichwort: Whistleblower) – darum geht es hier aber nicht. Die Beispiele, an die ich denke, betreffen das Verhalten von Einzelpersonen oder Gruppen außerhalb institutioneller Zusammenhänge oder ohne direkte Möglichkeit, diese zu beeinflussen.BACK TO TEXT

[7] Hier rede ich nicht über hauptberufliche Reply-Trolle oder über Bots, sondern über normale Antworten normaler Twitter-Nutzer.BACK TO TEXT

[8] Selbstverständlich muss es unabhängig vom gegenseitigen Verstehen  – das bringen Gemeinschaften so mit sich – gemeinsame Regeln geben, welche Verhaltensweisen und Äußerungen grundsätzlich nicht akzeptabel sind. Dafür haben wir Verfassungen und Gesetze sowie Institutionen, die sich um deren Einhaltung kümmern. Hier geht es um den Raum, den die Verfassungen und Gesetze aufspannen, und in dem dann Pluralismus von Lebensentwürfen, Meinungen und Geschmäckern erst möglich wird.BACK TO TEXT

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