20 wünsche für die 2020er

Für 2020 habe ich – anders als in vorigen Jahren[1] – keine Neujahrsvorsätze aufgeschrieben, sondern zwanzig Wünsche formuliert, die aus meiner Sicht dazu beitragen können, dass unser Zusammenleben in den anbrechenden Zwanzigzwanzigerjahren möglichst gut funktioniert[2].

Ich wünsche mir für die 2020er…

… Paketdienste, die Pakete zum erwarteten Zeitpunkt an den Empfänger liefern, für den sie bestimmt sind (1/20);

… Busse, Bahnen und Flugzeuge, die zu den in Fahr- und Flugplänen angegebenen Zeitpunkten an den vorgesehenen Haltestellen, Bahnhöfen oder Flughäfen abfahren bzw. -fliegen und ankommen (2/20);

… Einkommensteuerbescheide vom Finanzamt, die mit einem Dank für die von mir gezahlten Steuern beginnen und denen Informationen darüber beiliegen, wofür meine Steuergelder bundesweit (im Durchschnitt) sowie in meiner unmittelbaren Umgebung (konkrete Projekte) verwendet worden sind (3/20);

… die Einführung der Möglichkeit einer monatlichen Zahlung der Einkommensteuer für Selbständige und Freiberufler:innen (z.B. in Abhängigkeit von der ohnehin entrichteten Umsatzsteuer) – und entsprechend eine Abschaffung der realitätsfernen[3] vierteljährlichen Einkommensteuervorauszahlungen (4/20);

… regelmäßige, proaktive Informationen meines Bezirks über bevorstehende Bauarbeiten im öffentlichen Raum, deren Zeitpläne sowie damit einhergehende Unannehmlichkeiten wie umgeleitete Busse, blockierte Fuß- oder Fahrradwege, veränderte Müllsammeltage u.ä.m. (5/20);

… kostenfreie Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs für alle Kinder sowie für Schüler:innen, Student:innen und Auszubildende unabhängig vom Alter (6/20);

… (mindestens) einen Winter, in dem die Alster so zufriert, dass wieder ein Alstereisvergnügen stattfinden kann (7/20);

… genügend Regen in allen Weltregionen, um Felder vor Dürre, Wälder vor Feuer und Tiere und Menschen vor Durst, Hunger und Tod zu bewahren (8/20);

… die erste Millionenstadt, der es gelingt, ihren Energiebedarf komplett und dauerhaft aus fossilfreien Energien[4] zu decken (9/20);

… das erste Jahr, in dem weltweit weniger als 10 Prozent aller Menschen in multidimensionaler Armut[5] leben (10/20);

… Zugang zum Internet für jeden Menschen auf dieser Erde (11/20)

… genügend wechsel-, diskriminierungs-, werbe- und ideologiefreie Recherche-, Kommunikations- und Unterhaltungsangebote im Internet, so dass niemand von bestimmten Plattformen oder Services abhängig sein muss (12/20)

… digitale Geschäftsmodelle, die auf echter Zahlungsbereitschaft ihrer Kunden beruhen – und im Gegenzug transparent damit umgehen, wer mit welchen Ressourcen für welche Leistungen bezahlt (13/20)

… digitale Medienportale, die Nachrichten und Analysen aus unterschiedlichen Quellen und unterschiedlicher Couleur auf les- und recherierbare Weise zugänglich machen – sowohl für den Schnellzugriff auf aktuelle Ereignisse als auch für reflektierte Einordnungen in größere Zusammenhänge (14/20)

… Menschen, die den Wahrheitsgehalt von Nachrichten oder Analysen überprüfen, ehe sie diese beurteilen oder weiterverbreiten (15/20)

… Menschen, die Verhaltensweisen, Aussagen, Meinungen oder Haltungen anderer Menschen solange nicht be- (und vor allem nicht: ver-) urteilen, bis sie verstanden haben, wie diese zustande kommen (16/20)

… Menschen, die sich nicht durch den den algorithmisierten Habitus der Empfehlungen kommerzieller und sozialer Plattformen[6] dazu verleiten lassen, andere Menschen, nach dem “Menschen, die…”-Prinzip in Schubladen zu stecken (17/20)

… Menschen, die bereit sind, ihr eigenes Verhalten im Interesse anderer zu verändern – auch wenn das ihren eigenen Präferenzen, Prioritäten oder Prinzipien zuweilen zuwider läuft (18/20)

… Menschen, die daran glauben, dass alle Menschen – oder gerne auch: alle Lebewesen – etwas gemeinsam haben (19/20)

… Menschen, die nicht zwanghaft bis zwanzig zählen, wenn eigentlich bei neunzehn schon Schluss hätte sein können (20/20)

… Menschen, die einundzwanzig gerade sein lassen, wenn zwanzig nicht rund genug war (21/20)

… Menschen, die die Hoffnung nicht aufgeben (22/20)

Happy 2020s!

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[1] Meine Vorsätze der letzten Jahre sind z.B. hier und hier zu finden [abgerufen am 3.1.2020].BACK TO TEXT

[2] Auch wenn es in den letzten Tagen nicht an Hinweisen darauf mangelte, dass mit dem Jahr 2020 noch keine neue Dekade anbricht, so scheint es mir doch angemessen, die 2020er allein aufgrund der Tatsache zu einer jetzt schon beginnenden Periode zusammenzufassen, dass ab sofort und für die kommenden zehn Jahre alle Jahreszahlen an vorletzter Stelle eine “2” enthalten. Wie bedeutend dieser Umstand ist, zeigt sich u.a. daran, dass die Hamburger U-Bahnen des neuestens Typs nach der Datumsumstellung in der Neujahrsnacht aufgrund eines Softwareproblems mit dem Jahreswechsel nach dem Wenden nicht mehr losfahren konnten. Der NDR hat über den Vorfall hier kurz berichtet [aufgerufen am 3.1.2020] .BACK TO TEXT

[3] Für diejenigen, denen das Phänomen nicht vertraut ist: Die Einkommensteuer für Freiberufler und Selbständige wird auf Basis der durchschnittlichen Einkünfte der jeweils vorausgehenden Jahre durchschnittlich (ggf. mit einem Aufschlag für angenommenes Wachstum) festgesetzt und dann quartärlich im Voraus abgebucht. Realitätsfern ist dieser Ansatz nicht nur, weil natürlich in keinem Geschäft – und schon gar nicht im selbständigen oder freiberuflichen Gewerbe – im Gesamtumsatz kein Geschäftsjahr dem anderen gleicht, sondern auch, weil sich – selbst bei ähnlichem Gesamtumsatz in Summe – Einkünfte und Kosten durchaus unterschiedlich über das Jahr verteilen können. BACK TO TEXT

[4] Und ohne Nutzung von Atomkraft, falls das hier der Erwähnung bedarf.BACK TO TEXT

[5] “Multidimensionale Armut” ist ein Konzept des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen, das Armut anhand einer Kombination mehrerer Einzelindikatoren aus den Bereichen Bildung, Gesundheit und Lebensstandard misst. Aktuell leben weltweit rund 1,3 Milliarden Menschen (23 Prozent der Weltbevölkerung) in multidimensionaler Armut. Mehr zum Konzept und zum Index gibt es hier [aufgerufen am 3.1.2020].BACK TO TEXT

[6] Prägnant beschrieben als das “Menschenbild hinter der Nutzung algorithmischer Entscheidungssysteme” von Katharina Zweig in “Ein Algorithmus hat kein Taktgefühl” (2019), S. 254: “Das […] Menschenbild […] geht davon aus, dass das zukünftige Verhalten einer Person aus ihrem eigenen vergangenen Verhalten oder gar aus dem vergangenen Verhalten anderer abgeleitet werden kann”.BACK TO TEXT

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