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corona: familieninfarkt

Heute ist der 9. Mai 2020[1]. Morgen, am 10. Mai 2020, ist in Deutschland Muttertag – wie jedes Jahr am zweiten Sonntag im Mai. Allerdings: Dieses Jahr wird der Muttertag in den allermeisten Familien anders begangen werden als sonst. Da Schulen und Kitas wegen der Corona-Beschränkungen nach wie vor nur im Rumpfbetrieb für einen Bruchteil der Kinder für einen Bruchteil der Zeit geöffnet sind[2], haben die allermeisten Kinder in diesem Jahr keine Gelegenheit dazu gehabt, liebevoll-kreativ-unpraktische Stifthalter aus Toilettenpapierrollen zu basteln – und viele Mütter (und Väter) hätten vermutlich ohnehin kaum die mentale und emotionale Bandbreite, sich darüber angemessen zu freuen.

Der Verzicht auf Toilettenpapierstifthalter an sich wäre für die meisten Familien vermutlich kein Problem – wenn absehbar wäre, wann und wie Schulen und Kitas sich in einem Zustand einschwingen, der für Kinder, Eltern, Lehrer*innen und Erzieher*innen nicht nur einen möglichst gutem Schutz vor einem erneuten Aufflammen der Pandemie in Deutschland, sondern auch professionelle, planbare und pädagogisch sinnhafte Bildungs- und Betreuungsarbeit erlaubt. Davon aber kann aktuell keine Rede sein, solange Präsenzunterricht und -betreuung auf Rumpfangebote unter strengsten Hygienevorschriften beschränkt sind und Fernunterricht und Zuhause-Betreuung im Zweit- oder Drittjob von Eltern geleistet werden, die dafür weder Zeit noch ausreichende Qualifikationen haben.

Statt Muttertagsidylle droht uns deshalb dieses Jahr ein Familieninfarkt, der unsere Gesellschaft kurz-, mittel- und langfristig mindestens so heftig beeinträchtigen dürfte wie die – glücklicherweise in Deutschland bisher überschaubar dramatischen – gesundheitlichen Folgen der Pandemie und wie der allgemein gefürchtete Rückgang des Bruttosozialprodukts. Denn: Eine Generation von Kindern, die wochen-, monate- oder gar jahrelang von einem provisorischen Bildungs- und Betreuungsmodell ins nächste geworfen wird, wird daran einen Schaden nehmen, den wir erst irgendwann in der Zukunft bewerten und beziffern können, und eine Generation von Eltern, die wochen-, monate- oder gar jahrelang ungefragt zusätzliche Bildungs- und Betreuungsarbeit leistet, steht der Gesellschaft weder mit ihrer Arbeits- und Schaffenskraft noch als Konsumbevölkerung in dem Umfang zur Verfügung, in dem wir alle es gerade in diesen Zeiten bräuchten.

So funktioniert es nicht

Die derzeitige Kombination aus marginaler Präsenzbildung und -betreuung,  mangelhaft koordiniertem Fernunterricht und voller Betreuungslast für die Eltern funktioniert aus (mindestens) drei Gründen[3] nicht:

Home Office und Kinderbetreuung sind nicht kompatibel

Zum Punkt der Vereinbarkeit von Home Office und Kinderbetreuung und -beschulung gibt es zwei große Missverständnisse, die aus der Welt geschafft werden müssen:

Erstens: Eltern, die im Home Office arbeiten, tun dies unter normalen Umständen nicht, um (quasi “nebenbei”) Kinder zu beschulen oder zu betreuen, sondern um – je nach familiärer Situation – unproduktive Fahrzeiten zur und von der Arbeit zu minimieren, notwendige Haushaltstätigkeiten zu erledigen (tatsächlich nebenbei, weil  die Waschmachine sich nicht beschwert, wenn ich den Absatz zuende schreibe, ehe ich mich um sie kümmere), Handwerkern oder Lieferdiensten die Tür aufzumachen, in der Mittagspause Behörden- oder Arztgänge zu erledigen, gemeinsame Familienzeit mit kleineren Kindern am Nachmittag oder Abend zu haben, ehe die Spätschicht am Computer beginnt – oder auch einfach nur, um Ruhe vom Bürogewusel zu haben. Wer dagegen zuhause Kinder betreut oder Kinder beim Fernunterricht unterstützt, leistet in dieser Zeit Familienarbeit – aber keine Erwerbsarbeit im Home Office.

Zweitens: Eltern, die in der aktuellen Situation Home Office und Kinderbetreuung und -beschulung kombinieren, beklagen sich nicht deshalb nicht darüber, weil es nichts zu beklagen gäbe. Sondern: Eine der wichtigsten Aufgaben von Eltern ist es, ihren Kindern – auch und gerade in schwierigen Zeiten – Sicherheit, Zuversicht und Geborgenheit zu geben. Wer aber die Umstände zu sehr beklagt, riskiert damit den Verlust seiner eigenen mentalen und emotionalen Stabilität – und damit seine Fähigkeit, so für die Kinder da zu sein, wie die es jetzt gerade am meisten brauchen. Dazu kommt: Viele Eltern haben über die Jahre gelernt, dass die maulende Mutter in der Öffentlichkeit und im Arbeitsleben ohnehin von vielen nicht gerne gesehen und gehört wird und dass Klagen über die Schwierigkeiten der Vereinbarkeit von Familie und Beruf sich nur zu oft negativ auf die Klagenden und ihre Karrierechancen auswirken. Wer in diesen Tagen schweigt, schweigt vor allem aus Verantwortung für seine Kinder, vielleicht auch um seinen Job nicht ausgerechnet jetzt zu riskieren – und hat oft schlichtweg gar keinen Atem mehr, um noch etwas zu sagen, wenn alle Gespräche in der Familie und im Arbeitsumfeld beendet sind.

Wenn wir als Familien jetzt aber nicht aufpassen, wird sich ein Zustand einschleichen, indem es eben doch als akzeptabel gilt, im Home Office zu arbeiten und dabei gleichzeitig ohne systemische Unterstützung Kinder zu betreuen oder zu beschulen. Die ersten Omas und Opas werden schon wieder als Babysitter oder Kindermädchen eingesetzt, und die ersten Familien in meinem Umfeld beginnen bereits, ihre Kinderbetreuung und Fernbeschulungsaufsicht in Nachbarschaftshilfe zu organisieren. Was wird dann aus den Errungenschaften von allgemeiner Schulpflicht und verlässslicher Ganztagsbetreuung? Was aus einem Anspruch wie dem in §13 des Hamburgischen Schulgesetzes, wo es heißt: “Schülerinnen und Schüler von der Vorschulklasse bis zur Vollendung des 14. Lebensjahres haben Anspruch auf eine umfassende Bildung und Betreuung in der Zeit von 8.00 Uhr bis 16.00 Uhr an jedem Schultag”? Was ist mit dem Recht auf Bildung laut Artikel 28 der Kinderrechtskonvention? Und was ist – jenseits aller Rechte – mit der psychologischen Bedeutung, die Schule und Schulgemeinschaft für die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern haben? Oder mit der Bedeutung, die Arbeit für die gesunde Psyche erwachsener Menschen hat?

Drei Forderungen…

Um uns aus der Bildungs- und Betreuungs-Sackgasse heraus zu manövrieren, in die wir  – aus guten und richtigen Gründen der Reduzierung des Infektionsgeschehens – hineingeraten sind, brauchen wir jetzt kurzfristig drei Dinge:

  1. Entlastung für Eltern: Die Notbetreuungen in Kitas und Schulen müssen umgehend bundesweit einheitlich und im vollen zeitlichen Umfang mindestens für Kinder aller Eltern geöffnet werden, die in Berufen arbeiten, bei denen eine Anwesenheit im Job vor Ort unerlässlich ist (neben den bereits berücksichtigen “systemrelevanten” Berufen betrifft das z.B. Gastronomie und Einzelhandel oder produzierende Gewerbe), die selbständig oder freiberuflich tätig sind (und deshalb weder Urlaubs- noch Teilzeitansprüche gegenüber Arbeitgebern geltend machen können) oder die in außertariflichen Führungspositionen arbeiten. Für alle anderen Arbeitnehmer*innen mit Kindern, die aus Kapazitätsgründen nicht betreut werden können, müssen die Arbeitgeber ab sofort bezahlten Sonderurlaub oder Teilzeit bei vollem Lohnausgleich anbieten – und zwar solange bis die normalen Betreuungszeiten wieder gewährleistet werden.
  2. Langfristige Lösungen: Schulen und Kitas müssen jetzt anfangen, langfristig tragbare Lösungen für Mischunterrichtsmodelle in Pandemie-Zeiten zu entwickeln, in denen Präsenz- und Fernunterricht bzw. Betreuung in der Kita und zuhause in inhaltlich und organisatorisch sinnvoller Weise gestaltet und aufeinander abgestimmt sind. Spätestens nach den Sommerferien müssen diese Modelle in der Praxis einsetzbar sein, und bei ihrer Entwicklung müssen Eltern, Kinder, Lehrer*innen sowie Erzieher*innen zusammenarbeiten – idealerweise mit nur minimalen konkreten (Hygiene-) Vorgaben und hohen Spielräumen bei der konkreten Lösungsfindung. Und: Alle sollten dabei von den Schulen und Kitas lernen, in denen moderner Unterricht trotz der erschwerten Rahmenbedingungen funktioniert. Dazu kann man beispielsweise in Länder wie Dänemark blicken, wo bereits seit Ostern die Kita- und Grundschulkinder in vollem Umfang beschult und betreut werden[7]. Oder man kann sich systematisch in Schulen und Kitas bei uns umschauen und Beispiele guter Pädagogik in Zeiten der Pandemie sammeln, verbreiten und nachmachen.
  3. Verlässliche Zeitpläne: Eltern sind es gewoht, sich flexibel an kurzfristige Erfordernisse anzupassen. Auch vor der Pandemie wurden Kinder krank, Stundenpläne änderten sich von einer Woche zur anderen, oder Bastelmaterialien mussten über Nacht beschafft werden. Gleichzeitig sind Familien darauf angewiesen, langfristig planen zu können: Bring- und Abholzeiten, Tages- und Wochenpläne und Dienst- und Urlaubsreisen müssen zwischen verschiedenen Erwachsenen und mit den Kindern koordiniert werden, und das geht nur mit einem gewissen Vorlauf, weil immer auch Dritte, Vierte und Fünfte involviert sind. Damit wir alle den Rahmen kennen, innerhalb dessen unsere Flexibilität in Zukunft zum Einsatz kommt, müssen a) Schulen und Kitas jetzt sofort die Konzepte vorlegen, nach den Rumpfbetreuung und -bildung bis zu den Sommerferien abläuft (und zwar jeweils ein Konzept pro Einrichtung, der dann auch nicht mehr geändert wird); b) die Behörden umgehend die Rahmenvorgaben formulieren, nach denen nach den Sommerferien Betreuung und Bildung organisiert werden soll; c) Schulen und Kitas – gemeinsam mit Eltern und Kindern – auf dieser Basis bis Ende Juni ihre Konzepte für die Betreuug und Bildung nach den Sommerferien ausarbeiten.

… und vielleicht ein paar Aktionen?

Allein davon, dass ich das hier aufschreibe, wird keine dieser Forderungen in die Tat umgesetzt werden – und auch keine andere, ähnliche, bessere oder weitergehende. Da ich ein Mensch der Gedanken und Worte bin, hoffe ich auf andere, die hierauf geeignete Taten folgen lassen können.

Ich wünsche mir deshalb jetzt…

… die Nachbarschaftsaktivist*innen, die initiieren, dass jeden Morgen um 6 Uhr (da die Kinder ja eh’ wach sind…) alle Familien auf ihren Balkonen Topfdeckel aneinander schlagen, um darauf aufmerksam zu machen, dass es so nicht weitergehen kann.

… die Straßenkämpfer*innen, die für den “Tag der Familie” am 15. Mai 2020 einen bundesweiten Familienstreik organisieren, bei dem weder Eltern noch Kinder arbeiten, sondern stattdessen in zahllosen Gänsemarsch-Demos mit Abstand die Straßen blockieren.

… die Mitbestimmer*innen, die über Gewerkschaften, Elternvertretungen und andere demokratische Gremien diese Gedanken in die politischen Entscheidungsprozesse hineintragen.

… die Basisdemokrat*innen, die aus diesen Ideen Petitionen[8] machen, mit denen wir auf Landes- und Bundesebene Einfluss nehmen können.

… die Strippenzieher*innen, die vor und hinter den Kulissen dafür Sorge tragen, dass anstelle des aktuellen: “Friseure und Fußballer zuerst” endlich ein: “Familien und Kinder zuerst” tritt[9].

Lasst uns gemeinsam den Familieninfarkt verhindern. Wenn wir Glück habe, könnte es gerade noch nicht zu spät sein.


[1] Inzwischen sind nach den Zählungen der Johns Hopkins Universität weltweit fast vier Millionen Menschen nachgewiesenermaßen mit dem Coronavirus infiziert, und mehr als 275.000 infizierte Menschen sind inzwischen gestorben. Vgl. die täglich aktualisierten Angaben auf dieser Seite [abgerufen am 9. Mai 2020].BACK TO TEXT

[2] In Hamburg, wo ich lebe und daher einen gewissen Überblick über den Stand der Dinge habe, werden aktuell nur die vierten Klassen der Grundschulen sowie die sechsten Klassen, die Abschlussklassen sowie die Oberstufen der weiterführenden Schulen zeitweise in Präsenz in der Schule unterrichtet, nach meinen Beobachtungen maximal 40-50 Prozent der normalen Zeit. Die Ganztagsbetreuungen und die Kitas sind aktuell nur für Notbetreuung geöffnet, auf die formal lediglich Eltern Anspruch haben, die in systemrelevanten Berufen arbeiten oder alleinerziehend sind. Die offiziellen Informationen der Schulbehörde sind hier [abgerufen am 9. Mai 2020].BACK TO TEXT

[3] Ausführlicher und sehr lesenswert zu den fatalen Versäumnissen in der Gestaltung von Bildung im Zuge der Schulöffnungen nach der Corona-Schließzeit sind diese beiden Artikel von Ina Döttinger hier und hier [abgerufen am 9. Mai 2020].BACK TO TEXT

[4] Vgl. z.B. diese wunderbare Liste von Béa Beste hier [abgerufen am 9. Mai 2020].BACK TO TEXT

[5] Ganz zu schweigen von jenen, die gerade in dieser Zeit unter Gewalt und Misshandlung in ihren Familien leiden müssen.BACK TO TEXT

[6] Das Interview mit der Familienminsterin wurde am 7. Mai 2020 von Mitgliedern der Gruppe “Eltern Initiativ” geführt und ist hier anzusehen [abgerufen am 9. Mai 2020].BACK TO TEXT

[7] Ein Artikel zum Beginn der Schulöffnungen in Dänemark, der auch die Thematik der Sorge um Ansteckungen in der Schule adressiert, ist hier zu finden [abgerufen am 9. Mai 2020].BACK TO TEXT

[8] Eine Leserin des Blogs erinnert mich in diesem Zusammenhang an diese Petition, die bereits seit Mitte April online steht und nach wie vor unterzeichnet werden kann [abgerufen am 10. Mai 2020]. Eine weitere Petition mit Schwerpunkt auf Verbesserung der Voraussetzungen für digitale Bildung ist hier [abgerufen am 11. Mai 2020].BACK TO TEXT

[9] Diese Gegenüberstellung habe ich ausgeliehen von Yvonne Weiß, die damit ihren heutigen Leitartikel im Abendblatt beginnt [abgerufen am 9. Mai 2020].BACK TO TEXT

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